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Photomaton

Porträts aus der Fotokabine

 



 Ein Automat und eine Gesellschaft im Wandel

Dieses Buch versammelt Fotografien, die in einem Fotoautomaten entstanden sind – anonym, direkt und ohne den Blick eines Fotografen. Der sogenannte Photomaton, seit Ende der 1920er-Jahre in Deutschland verbreitet, war mehr als nur eine technische Neuerung.

Seine Geschichte beginnt 1925 mit der Erfindung durch Anatol Josepho in New York. Schon wenige Jahre später gelangt der Automat nach Europa und auch nach Deutschland, wo er in den Städten der Weimarer Republik Teil einer neuen, modernen Alltagskultur wird: schnell, günstig und für alle zugänglich.

Die Abwesenheit eines Fotografen veränderte den Moment des Fotografierens grundlegend. Menschen konnten sich unbeschwert vor der Kamera bewegen, ohne Anweisungen und ohne vorgegebene Pose. Sie wurden nicht in eine Haltung gebracht, sondern entschieden selbst, wie sie gesehen werden wollten. So ermöglichte der Photomaton Porträtfotografien die direkter, spontaner und weniger inszeniert waren als klassische Atelieraufnahmen.


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Die in Kabinenform aufgestellten Fotoautomaten lieferten vollautomatisch erstellte Bildserien: Belichtung, Entwicklung, Fixierung und Trocknung erfolgten mechanisch nach Münzeinwurf. Dieses Verfahren wurde zu einem Meilenstein in der Demokratisierung der Porträtfotografie – anonym, preiswert und in wenigen Minuten verfügbar – und zu einem Medium, das von Menschen unterschiedlichster sozialer Hintergründe gleichermaßen genutzt wurde.

Ursprünglich für amtliche Passfotos entwickelt und in Bahnhöfen oder Kaufhäusern aufgestellt, wurde der Photomaton durch seine günstige, schnelle und anonyme Funktionsweise zugleich zu einem Ort der Selbstinszenierung: spontane Selbstporträts, spielerische Aufnahmen, Bilder von Gruppen und Paaren entstanden hier ohne äußere Vorgaben. Gleichzeitig zeigen die – zufällig gefundenen und zusammengetragenen – Fotografien den gesellschaftlichen Wandel: von den offenen, experimentierfreudigen 1920er Jahren über die ideologisch geprägte Uniformierung der NS-Zeit bis hin zu den Spuren des Kriegs. In ihnen wird sichtbar, wie sich die Physiognomie und das Selbstbild einer ganzen Gesellschaft verändern.


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In den späten 1920er-Jahren zeigen die Bilder eine Welt der Offenheit. Junge Frauen mit modischen Frisuren, Männer mit Hüten, Paare und Freunde – sie schauen in die Kamera, probieren Rollen aus, lachen oder bleiben bewusst ernst. Der Automat ermöglicht eine Form der Selbstinszenierung ohne äußere Kontrolle. Die Bilder sind spontan und verspielt, manchmal auch unsicher in der eigenen Darstellung. Sie zeigen Individuen in einer Gesellschaft, die sich im Umbruch befindet.

Mit den frühen 1930er-Jahren verändert sich dieser Blick langsam. Die Gesichter werden ruhiger, die Posen fester, Kleidung und Haltung wirken standardisierter. Der Apparat bleibt unverändert, doch seine Nutzung wandelt sich – leise, aber spürbar.

Ab 1933, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wird in den Fotografien eine zunehmende Uniformierung sichtbar. Die Bildsprache verändert sich: Die Aufnahmen wirken formaler, der Ausdruck zurückhaltender, individuelle Gesten treten seltener in den Vordergrund. Die Uniform erscheint in vielen Porträts als zentrales Element und wird bewusst gezeigt.

Im weiteren Verlauf lassen sich auch die Auswirkungen des Krieges in den Bildern erkennen. Gleichzeitig bleibt der Fotoautomat ein Ort, an dem neben formalen Porträts weiterhin informelle Aufnahmen entstehen. Neben den stärker normierten Bildern finden sich weiterhin spontane Fotografien, etwa von Kriegskameraden, die weniger streng inszeniert sind.


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Trotz dieser Entwicklungen bleibt der Moment vor der Kamera nie vollständig kontrollierbar. Auch in formaleren Aufnahmen zeigen sich vereinzelt kleine Abweichungen – in Blicken, Haltungen oder Gesten –, die auf individuelle Ausdrucksweisen verweisen.

Die Nutzung des Photomaton in Deutschland – von den späten 1920er-Jahren bis in die Kriegszeit – verläuft parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen dieser Jahre. Die Bilder zeigen diesen Wandel und erzählen von Freiheit und Anpassung, von Individualität und Normierung – und von einer zunehmenden Militarisierung, die sich in den vielen Uniformen widerspiegelt. Dieses Buch ist daher mehr als eine Sammlung von Porträts: Es ist ein visuelles Zeugnis einer Epoche, in dem sichtbar wird, was Menschen von sich zeigen wollten – und was ihre Zeit von ihnen verlangte.


Zur Sammlung:
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Text: Reinhard Krause    Bilder: Sammlung Reinhard Krause